Samstag, 1. Juli 2006

Das Residentie Orkest Den Haag gastierte mit dem Bariton Zeljko Lucic im Wiesbadener Kurhaus

Ein roter Faden, den das Rheingau Musik Festival in diesem Jahr spinnt, heißt „In Töne gefasste Literatur“. Zu den dafür ergiebigsten Dichtern gehört zweifellos William Shakespeare. Seine Dramen stecken voller Emotionen, die sich vielfach musikalisch widerspiegeln lassen. Vor den Shakespeare-Vertonungen hatte das Residentie Orkest Den Haag die Coriolan-Ouvertüre von Beethoven gestellt. Ein denkbar müder Auftakt, wie sich schon nach wenigen Takten herausstellen sollte. Lähmende, technisch tadellos ausgeführte Beliebigkeit und spannungslose Routine beherrschten die Szene. Dynamische Gegensätze verpufften in relativierender Einheitlichkeit. Die Fantasie-Ouvertüre „Hamlet“ von Peter Tschaikowski ließ etwas mehr Enthusiasmus erahnen. Auch wenn das Stück über weite Strecken ereignislos wirkt, lässt sich zwischendrin eine tüchtiger Lärm veranstalten – was den Niederländern auch gut gelang. Weitaus zupackender die Ouvertüre „Le Roi Lear“ von Hector Berlioz, und schließlich schwang sich das Orchester bei der Tondichtung „Macbeth“ von Richard Strauß gar zu überbordender Emotionalität auf. Ab diesem Zustand hätte das Konzert beginnen dürfen. Diszipliniert machten sich die Musiker nun an die plastische Umsetzung der Motive. Zeliko Lucic, dem Publikum bestens bekannt aus der Frankfurter Oper, empfahl sich in zwei kurzen Auftritten, beeindruckte insbesondere in der Macbeth-Arie „Pietà, rispetto, amore“ (Verdi) mit frei ausgesungenem Bariton und markantem Timbre. Am Pult ersetzte Roland Kluttig tapfer den derzeit erschöpften Frankfurter Generalmusikdirektor Paolo Carignani, konnte aber situationsgemäß trotz konzentrierter Ordnungsarbeit und großem Engagement kaum Spuren hinterlassen – eine undankbare Aufgabe.

Veröffentlicht in der Frankfurter Neuen Presse

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