Das Konzert wirkt ein wenig wie die lange erwartete öffentlich wirksame künstlerische Legitimation einer politischen Entscheidung. In der Phönix-Halle waren so viele Stühle aufgestellt worden, die allein vom Philharmonischen Staatsorchester Mainz nicht hätten besetzt werden können. Doch Dank der Orchesterreform, die seinerzeit nicht nur Befürworter gefunden hatte, brauchte man nicht auf Heere von Aushilfen zurück zu greifen, um auf die 120 Musiker zu kommen, die notwendig sind, um Dmitrij Schostakowitschs Sinfonie Nr. 4 c-Moll op. 43 aufführen zu können. Denn seit der Reform ist das Orchester eng mit dem Staatsorchester Rheinische Philharmonie Koblenz verbunden. „Zwei Orchester, ein Klangkörper“, lautete dann auch euphorisch der Titel des Konzertes, das musikalisch ganz weit in den Osten deutete.
Doch zunächst nahmen vor allem die Gäste aus Koblenz Platz, um unter der Leitung ihres Chefs Daniel Raiskin das Konzert für Violine und Orchester d-Moll von Aram Chatschaturjan zu spielen. Das Werk hat dem berühmten Geiger David Oistrach einige Bekanntheit zu verdanken, steht ansonsten aber, wie eigentlich alle Werke Chatschaturjans, im Schatten seines „Säbeltanzes“. Als „volksfremd und formalistisch“ wurde er übrigens ähnlich wie Schostakowitsch Ende der 1940er Jahre in der Sowjetunion von politischer Seite hart bedrängt.
Das Orchester beeindruckte hier mit bissigen Einsätzen, der Solist Vadim Gluzman mit überlegenen virtuosen Passagen. Scheinbar mühelos schien ihm das Stück von der Hand zu gehen, gleichzeitig legte er ein hohes Maß an Empathie an den Tag. Das hellwache Orchester beteiligte sich an gewitzten Dialogen mit seinem Solisten, gemeinsam wurden krasse rhythmische Veränderungen präzise und mit großer Begeisterung umgesetzt. Furiose Solopassagen im Schluss-Satz mit rasanten, nicht enden wollenden Akkordbrechungen sorgten für stürmischen Applaus, der aber sicherlich auch dem Orchester galt, das dem Werk einen pulsierenden Charakter verlieh.
Schostakowitsch war schon 1936 mit den Stalinisten in Konflikt geraten. Er wählte den Weg der „inneren Emigration“, die in Lippenbekenntnissen zum System, aber auch in mehr oder weniger offen in seinen Kompositionen versteckter Kritik Ausdruck fand. Gerade in diese Zeit fiel die Komposition seiner vierte Symphonie, die mit ihrer fast einstündigen Spieldauer allein von der Dimension her einen Höhepunkt seines Schaffens darstellte. Die beiden vereinigten rheinland-pfälzischen Orchester konnten die mitunter surreal anmutende Klangsprache Schostakowitschs ungemein auftrumpfen lassen. Die kontrastreichen und oft scharf gegen einander konkurrierenden Motive wurden dabei nie der Beliebigkeit preisgegeben. Im Gegenteil: schlüssig und konsequent führte Daniel Raiskin das üppig besetzte Orchester zum Ziel Der Komponist hatte sein Werk seinerzeit übrigens selbst zurück gezogen und erst 1961 uraufführen lassen. Die Klangsprache schien Ende der 1930er Jahre noch keine Chance auf Akzeptanz gehabt zu haben.
Veröffentlicht u.a. in der Mainzer Allgemeinen Zeitung
Freitag, 20. März 2009
Sonntag, 15. März 2009
Zum siebten Mal kommt Alfred Kirchners Inszenierung von Puccinis „La Bohème“ auf die Frankfurter Opernbühne
Veröffentlicht in der Frankfurter Neuen Presse
Foto: Oper Frankfurt
Dienstag, 10. März 2009
Wise Guys in neuer Besetzung
FRANKFURT. Die „Wise Guys“ sind zum ersten Mal in Frankfurt. Zumindest in dieser Formation. Nachdem Clemens im vergangenen Jahr ausgestiegen ist, um einem bürgerlichen Beruf nachzugehen, wurde die vakante Stelle regelrecht ausgeschrieben. 350 wackere Sänger hatten sich beworben und Nils aus Kiel hatte den Zuschlag bekommen. Seit Jahresbeginn tourt er mit den vier Verbliebenen durch die Lande und tritt nahezu Abend für Abend in einer anderen Stadt auf. Von den Fans in Frankfurt wird er begeistert gefeiert, auch, weil er nicht versucht, den Vorgänger zu imitieren. Er hat gute Chancen, die Rolle des „Sonnyboys“ einzunehmen, was die bisherige Besetzung aus Dän, dem Frontmann, Ferenc, dem stillen Bass, Sari, dem Spaßmacher und Eddie, dem verhuschten Intellektuellen mit dem Zivi-Charme gut ergänzt. Neu ist auch, dass sich die „Wise Guys“ nicht mehr als A-Capelle-Gruppe begreifen, sondern „Vokal Pop“ machen. Der Begriff Oralmusik stand auch zur Debatte. Bei so viel Neuem ist die Programm-Mischung angenehm ausgewogen. Ohrwürmer wie „Es ist nicht immer leicht, ich zu sein“ oder „Sonnenschein“ werden von tausend Kehlen mitgesungen. Das übervolle Raumschiff „Alte Oper“ bereist den Kosmos der Köln-Kieler Jungs im Schnelldurchgang. Originelle Premieren wie Ferenc' Lobgesang auf das Handy im Country-Stil oder die Posse vom „Mann, der alles zwei mal machte“, bereichern das Programm des Quintetts, das in mäßig modischer Aufmachung immer noch so wirkt, als kämen die Herren gerade aus dem Lehrerzimmer oder dem Jugendamt. Das macht sie trotz voller Hallen und mittlerweile auch eingetretener Chart-Erfolge so authentisch und damit sehens- wie hörenswert.
Veröffentlicht in der Frankfurter Neuen Presse
Veröffentlicht in der Frankfurter Neuen Presse
Sonntag, 8. März 2009
Don Giovanni verabschiedet sich in einer gelungenen Wiederaufnahem von der Frankfurter Opernbühne
Veröffentlicht in der Frankfurter Neuen Presse
Foto: Oper Frankfurt
Dienstag, 3. März 2009
Simone Kermes singt Händel-Arien (CD-Vorstellung)
Der Anlass ist klar, Georg Friedrich Händel ist vor 250 Jahren gestorben. Es ist nicht so, wie im „Mozart-Jahr“, dass man das an allen Ecken und Enden bemerken würde. Aber es gibt Veröffentlichungen, die buchstäblich aufhorchen lassen. So auch die Einspielung der Leipziger Sopranistin Simone Kermes und der Lautten Compagney Berlin unter der Leitung von Wolfgang Katschner. Sie habe nach „besonders schönen Arien“ gesucht, gibt sie zu Protokoll. Solchen, die einen möglichst vielfältigen Eindruck von Händels Opernschaffen wiedergeben sollten. Und tatsächlich entsteht ein Kaleidoskop an Emotionen: Liebe und Hass, Verführung und Rache, Todesahnung und Glückseligkeit.
„La Diva“ heißt das Album und nimmt damit nicht Bezug auf die Interpretin, sondern auf die italienische Sopranistin Francesca Cuzzoni, für die Händel die Arien geschrieben hat, die auf die CD gekommen sind. Sie wurde 1696 in Parma geboren und stand als 18-Jährige zum ersten Mal auf der Bühne. Sie bereiste ganz Italien, Komponisten wie Francesco Gsparini und Antonio Vivaldi schrieben da schon für sie. Nachdem sie sich an Venedigs renommiertem Teatro San Giovanni Gristostomo einen internationalen Ruf ersang, wurde sie ans King's Theater nach London geholt und gab ihr Debüt mit Händels Oper „Ottone“. 13 Jahre war sie dort ein gefeierter Star, dann kehrte sie 1736 nach Italien zurück. Doch das Glück hatte sie verlassen. Nachdem die Ersparnisse aufgebraucht waren, führte sie ein zurückgezogenes Leben und starb 1778 völlig verarmt in Bologna.
Simone Kermes brilliert auf der CD in jeder einzelnen Arie. Das „Se pietà di me non senti“, singt Cleopatra in „Giulio Cesare“ in dem Moment, in dem sie ihren Geliebten seinen Feinden überlassen muss. Fast zehn Minuten lang trägt ihre kultivierte, stets auf eine präzise klangliche Entwicklung ausgerichtete Stimme diesen Klagegesang, ohne an Intensität zu verlieren. Ganz anders wiederum die Eifersuchtsarie „No, più soffrir non voglio“ aus „Alessandro“. Hier prasseln rhythmisch pointierte Koloraturen auf den Hörer ein, Simone Kermes legt all ihre Energie in ein temperamentvolles Feuerwerk aus unzähligen Tönen.
Unterschiedliche Elemente finden sich in „Torrente cresciuto“ wieder, in der die intrigante Laodice aus „Siroe, Re di Persia“ zu der Erkenntnis kommt, dass nur der „Pfad der Tugend“ der einzig richtige Weg sein kann. Jubelnde Koloraturmomente stehen da neben den eher introvertierten, nachdenklich fragenden Passagen. Beide Aspekte vermittelt Simone Kermes in einer ungewöhnlichen Kombination aus Authentizität und Eleganz. Ohnehin ist ihr mit Unterstützung der stilsicher und höchst lebendig musizierenden Lautten Compagney ein absolut ansprechendes Album gelungen.
Veröffentlicht im Wiesbadener Kurier
„La Diva“ heißt das Album und nimmt damit nicht Bezug auf die Interpretin, sondern auf die italienische Sopranistin Francesca Cuzzoni, für die Händel die Arien geschrieben hat, die auf die CD gekommen sind. Sie wurde 1696 in Parma geboren und stand als 18-Jährige zum ersten Mal auf der Bühne. Sie bereiste ganz Italien, Komponisten wie Francesco Gsparini und Antonio Vivaldi schrieben da schon für sie. Nachdem sie sich an Venedigs renommiertem Teatro San Giovanni Gristostomo einen internationalen Ruf ersang, wurde sie ans King's Theater nach London geholt und gab ihr Debüt mit Händels Oper „Ottone“. 13 Jahre war sie dort ein gefeierter Star, dann kehrte sie 1736 nach Italien zurück. Doch das Glück hatte sie verlassen. Nachdem die Ersparnisse aufgebraucht waren, führte sie ein zurückgezogenes Leben und starb 1778 völlig verarmt in Bologna.
Simone Kermes brilliert auf der CD in jeder einzelnen Arie. Das „Se pietà di me non senti“, singt Cleopatra in „Giulio Cesare“ in dem Moment, in dem sie ihren Geliebten seinen Feinden überlassen muss. Fast zehn Minuten lang trägt ihre kultivierte, stets auf eine präzise klangliche Entwicklung ausgerichtete Stimme diesen Klagegesang, ohne an Intensität zu verlieren. Ganz anders wiederum die Eifersuchtsarie „No, più soffrir non voglio“ aus „Alessandro“. Hier prasseln rhythmisch pointierte Koloraturen auf den Hörer ein, Simone Kermes legt all ihre Energie in ein temperamentvolles Feuerwerk aus unzähligen Tönen.
Unterschiedliche Elemente finden sich in „Torrente cresciuto“ wieder, in der die intrigante Laodice aus „Siroe, Re di Persia“ zu der Erkenntnis kommt, dass nur der „Pfad der Tugend“ der einzig richtige Weg sein kann. Jubelnde Koloraturmomente stehen da neben den eher introvertierten, nachdenklich fragenden Passagen. Beide Aspekte vermittelt Simone Kermes in einer ungewöhnlichen Kombination aus Authentizität und Eleganz. Ohnehin ist ihr mit Unterstützung der stilsicher und höchst lebendig musizierenden Lautten Compagney ein absolut ansprechendes Album gelungen.
Veröffentlicht im Wiesbadener Kurier
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