„Der macht nix, der will nur spielen.“, versucht das Management zu beruhigen. Doch weit gefehlt, Sven Hieronymus macht wohl was. Er startet einen Angriff auf die Lachmuskulatur und das Hirn zugleich. Dass sich hinter seinen oft derben Scherzen so manche Subtilität verbirgt, mag zunächst etwa konstruiert wirken, doch nach einer vollen Ladung „Ich wird Depp“, verzieht sich das Grinsen nur mühsam aus dem Gesicht und mancher Kalauer, mancher Seitenhieb auf die große und die kleine Politik bleibt im Kopf hängen, um dann dort seine Kreise zu ziehen.
Kabarett oder Comedy zu machen, war eigentlich nicht sein Plan. Der Sozialarbeiter und Gelegenheits-Rocker von „Se Bummtschacks“ geriet durch einen Zufall auf die Bühne. Als er aus seinen AZ-Kolumnen lesen sollte, wurde das als Comedy-Programm angekündigt. Also nutzte er die vier verbleibenden Wochen, um sich eines auszudenken. Mittlerweile ist er eine ordentliche Rampensau geworden, deren Mischung aus einstudiertem Witz und situativ-spontaner Komik unvergleichlich originell ist. Den legendären Schlachtruf „Halldeimaul“, brüllt ihm schon lang keiner mehr entgegen, wie auch vor lauter Zwerchfellkrampf…
Doch was macht Sven Hieronymus eigentlich? Sein Programm ist klar strukturiert, es gibt ein paar Charaktere, mit denen er sich kurzzeitig identifiziert. Doch letzten Endes bleibt er immer er selbst. Was ihm besonders gut liegt ist das Poltern des „Kleinen Mannes von der Straße“. Natürlich steht da die Motzerei über den Nichtraucherschutz ganz oben auf der Liste. „Wenn das europäische Anpassung ist, will ich aber auch, dass sie auf Kreta Winterreifen aufziehen“, krakeelt er. Und er hofft auf eine rasche Erderwärmung, von der die Raucher immerhin profitieren würden. Ganz selbstlos ist seine Aufregung, schließlich raucht er ja nicht mehr, trinkt keinen Alkohol und dem Sex hat er auch abgeschworen. Glauben mag ihm das keiner im Unterhaus.
Dass früher alles besser war, weiß er auch. „Der Body Mass Index hat beschrieben, wie viel Maß Bier in meinen Körper gepasst haben”, beschwert er sich über Gesundheitsmoden. Allerdings ist er auch bekennender Hypochonder. „Mein Fuß schläft nicht ein, der stirbt ab“, ist er überzeugt. Urkomisch auch sein schönstes Ferienerlebnis mit dem dauergeilen Kumpel in Spanien. „Und ich wär’ so gern mit der Bimmelbahn im Volkspark gefahren“, erinnert er sich.
Seine gelungene Mischung aus Alltags-Beobachtungen und dramaturgisch geschickt aufgefahrenen Geschichten mit einem gehörigen Schuss Lokalkolorit machen sein Programm spannend. Auch, wenn er zwischendurch noch in die Rolle einer einschläfernden TV-Astrologin schlüpft und der spätnächtlichen Anruferin Liebestipps gibt. Der Vorzeige-Rowdie mit selbst eingestandener Streber-Vergangenheit wird noch einiges zu erzählen haben.
Veröffentlicht in der Mainzer Allgemeinen Zeitung
Mittwoch, 26. Dezember 2007
Montag, 17. Dezember 2007
Staatsorchester Rheinische Philharmonie mit Tschaikowski, Haydn, Beethoven und Arutiunian
Populäre Melodien prägten das Meisterkonzert, zu dem das Staatsorchester Rheinische Philharmonie dieses Mal in die Rheingoldhalle gekommen war. Wer kennt sie nicht, die beliebten Motive aus dem „Nussknacker“ von Peter Tschaikowski. Die Suite mit den verschiedenen Tänzen russischer, arabischer und chinesischer Klangart gehört zum Repertoire eines jeden Orchesters und auch das Publikum kennt und liebt diese Töne. Hoch motiviert und mit viel Sinn für die klanglichen Eigentümlichkeiten dieser Komposition bescherte das Orchester unter Leitung von Daniel Raiskin seinen Zuhörern diese Suite zum Abschluss eines ausgesprochen vielseitigen und in bester Verfassung ausgeführten Konzerts.
Den Einstieg gestaltete der junge Trompeter Thomas Hammes mit dem berühmten Trompetenkonzert von Joseph Haydn. Der Komponist schrieb das Werk1796 für den Wiener Hoftrompeter Anton Weidinger, der als Erster die bis dahin gängige Naturtrompete erweitert hatte. Seine Klappentrompete konnte sich zwar nicht gegen die später entwickelte Ventiltrompete durchsetzen, doch das Trompetenkonzert gilt seitdem als eines der Beliebtesten seiner Gattung. Es sollte indes das einzige aus der Feder von Joseph Haydn bleiben.
Der aus Osann-Monzel an der Mosel stammende Trompeter überzeugte mit einem brillanten, absolut reinen und immer schlackenfreien Ton. Im Kopfsatz machte er Tempo, ohne zu hetzen, ließ seine Töne durchdringen und verlieh ihnen eine markante Schärfe. Verblüffend weich und sanglich gestaltete er dagegen den Andante-Satz. Im abschließenden Allegro jedoch rannte er dann doch ab und an dem Orchester ein wenig davon, wirkte dabei etwas ungeduldig. Außerordentlich pointiert und durchdacht präsentierte er sich dafür im Konzert für Trompete und Orchester in As-Dur des aserbaidschanischen Komponisten Alexander Arutiunian.
Seine Leistungsfähigkeit stellte das Koblenzer Orchester schließlich in Beethovens Sinfonie Nr. 8 unter Beweis. Die kürzeste aller Beethoven-Sinfonien aus dem Jahre 1812 wirkt vital und voller ungezügelter Energie. Daniel Raiskin, seit 2005 Chefdirigent des Staatsorchesters, hatte nun die Aufgabe, dieses Potenzial zu kanalisieren und mit seinen Musikern umzusetzen. Es gelang. Packend und energiegeladen stieg das Orchester in die Sinfonie ein, die ostinaten Holzbläser-Passagen im Allegretto scherzando erklangen präzise und ohne jede Abnutzungserscheinung. Im Menuett waren die Motivübergaben fließend, bevor das Finale das Werk formgerecht abschloss. Daniel Raiskin hatte seine Musiker dabei gut im Griff, motivierte sie mit ausdrucksstarken Gesten und leicht nachvollziehbaren Angaben.
Veröffentlicht in der Mainzer Allgemeinen Zeitung
Den Einstieg gestaltete der junge Trompeter Thomas Hammes mit dem berühmten Trompetenkonzert von Joseph Haydn. Der Komponist schrieb das Werk1796 für den Wiener Hoftrompeter Anton Weidinger, der als Erster die bis dahin gängige Naturtrompete erweitert hatte. Seine Klappentrompete konnte sich zwar nicht gegen die später entwickelte Ventiltrompete durchsetzen, doch das Trompetenkonzert gilt seitdem als eines der Beliebtesten seiner Gattung. Es sollte indes das einzige aus der Feder von Joseph Haydn bleiben.
Der aus Osann-Monzel an der Mosel stammende Trompeter überzeugte mit einem brillanten, absolut reinen und immer schlackenfreien Ton. Im Kopfsatz machte er Tempo, ohne zu hetzen, ließ seine Töne durchdringen und verlieh ihnen eine markante Schärfe. Verblüffend weich und sanglich gestaltete er dagegen den Andante-Satz. Im abschließenden Allegro jedoch rannte er dann doch ab und an dem Orchester ein wenig davon, wirkte dabei etwas ungeduldig. Außerordentlich pointiert und durchdacht präsentierte er sich dafür im Konzert für Trompete und Orchester in As-Dur des aserbaidschanischen Komponisten Alexander Arutiunian.
Seine Leistungsfähigkeit stellte das Koblenzer Orchester schließlich in Beethovens Sinfonie Nr. 8 unter Beweis. Die kürzeste aller Beethoven-Sinfonien aus dem Jahre 1812 wirkt vital und voller ungezügelter Energie. Daniel Raiskin, seit 2005 Chefdirigent des Staatsorchesters, hatte nun die Aufgabe, dieses Potenzial zu kanalisieren und mit seinen Musikern umzusetzen. Es gelang. Packend und energiegeladen stieg das Orchester in die Sinfonie ein, die ostinaten Holzbläser-Passagen im Allegretto scherzando erklangen präzise und ohne jede Abnutzungserscheinung. Im Menuett waren die Motivübergaben fließend, bevor das Finale das Werk formgerecht abschloss. Daniel Raiskin hatte seine Musiker dabei gut im Griff, motivierte sie mit ausdrucksstarken Gesten und leicht nachvollziehbaren Angaben.
Veröffentlicht in der Mainzer Allgemeinen Zeitung
Sonntag, 16. Dezember 2007
Julia Neigel mit ihrem Programm "Stimme mit Flügel(n)"
Gleich vorne in der Reihe sitzt jemand aus dem Fanclub, einen anderen Gast kennt sie von einem Konzert in Ludwigshafen. Man ist unter sich, kennt sich, plaudert ein wenig miteinander. Julia Neigel ist nach Rüsselsheim gekommen, wo sie auf der Hinterbühne des Stadttheaters keinerlei Berührungsängste mit ihrem Publikum zeigt. Im Gegenteil, die Frau, die 1989 mit „Schatten an der Wand“ den Grundstein für ihre Karriere legte, hat sich offensichtlich zum abendlichen Plauderstündchen verabredet. Früher einmal hieß sie Jule, das ist aber lange her. Und scheinbar will sie daran auch nicht unbedingt erinnert werden. Zumindest ihrem Gesicht nach zu urteilen, das sie aufzieht, als ihr ein Gast erklärt, dass er 1989 zum letzten Mal auf einem ihrer Konzerte war. Seitdem ist eben viel passiert.
Seit einiger Zeit ist sie mit dem Pianisten Simon Nicholls unterwegs und präsentiert unter dem Titel „Stimme mit Flügel(n)“ lauter „Lieblingslieder“ von sich. Als sie im vergangenen Jahr damit begonnen hatte, von Mainz aus ihr Bühnen-Comeback zu feiern stieß sie den Seufzer aus: „Ihr glaubt nicht, wie mir die Bühne gefehlt hat“. Heute ist sie wieder ganz routiniert. Dass ihr die Bühne eine Art Zuhause gibt, wird aber in jedem Moment klar.
Von der Schlager-Sängerin von einst ist nicht mehr viel übrig. Die Rüsselsheimer - und alle die, die wie etwa ein Wetzlarer, weit gereist sind – erleben hier eine gereifte Sängerinnenpersönlichkeit, die auch mit der Neuinterpretation älterer Titel ungeahnte Überzeugungsarbeit leisten kann. Etwa mit der Ballade „Weil ich Dich liebe“ vom 92er Album „Nur nach vorn“. Und sie singt Erfolge von Kollegen nach, ohne sie zu imitieren. Darunter „Hijo de la Luna“ der spanischen Gruppe Mecano. Das hat Gefühl, Tempo und Witz zu gleichen Teilen. Titel von John Hiatt oder Eric Clapton interpretiert sie auf ihre ganz persönliche Art. Neuere Stücke, wie etwa „Jetzt und hier“, wirken dagegen etwas seicht.
Julia Neigel ist vielleicht auch deshalb so nah an ihrem Publikum, weil sie ihm ähnlich ist. Sie kokettiert ein wenig, wirkt etwas aufgedreht, als habe sie die gleiche Art Lampenfieber wie eine Neunjährige beim Krippenspiel. Ihre raue, tiefe Stimme erinnert in manchen Zügen an Marla Glenn, aber das ist auch schon alles, was an hinkenden Vergleichen zulässig ist. Wenn sie auf dem Barhocker den Freizeit-Vamp gibt oder verspielt mit ihrem ausgezeichnet mitziehenden Pianisten flirtet, erlebt der Zuhörer einen Menschen, der sich auf der Bühne mit Sicherheit nicht besonders anders verhält, als in seiner privaten Freizeit – ob man das mag, steht auf einem anderen Blatt. Auf jeden Fall macht diese Art einen seltenen Charme aus.
Veröffentlicht in der Main-Spitze
Seit einiger Zeit ist sie mit dem Pianisten Simon Nicholls unterwegs und präsentiert unter dem Titel „Stimme mit Flügel(n)“ lauter „Lieblingslieder“ von sich. Als sie im vergangenen Jahr damit begonnen hatte, von Mainz aus ihr Bühnen-Comeback zu feiern stieß sie den Seufzer aus: „Ihr glaubt nicht, wie mir die Bühne gefehlt hat“. Heute ist sie wieder ganz routiniert. Dass ihr die Bühne eine Art Zuhause gibt, wird aber in jedem Moment klar.
Von der Schlager-Sängerin von einst ist nicht mehr viel übrig. Die Rüsselsheimer - und alle die, die wie etwa ein Wetzlarer, weit gereist sind – erleben hier eine gereifte Sängerinnenpersönlichkeit, die auch mit der Neuinterpretation älterer Titel ungeahnte Überzeugungsarbeit leisten kann. Etwa mit der Ballade „Weil ich Dich liebe“ vom 92er Album „Nur nach vorn“. Und sie singt Erfolge von Kollegen nach, ohne sie zu imitieren. Darunter „Hijo de la Luna“ der spanischen Gruppe Mecano. Das hat Gefühl, Tempo und Witz zu gleichen Teilen. Titel von John Hiatt oder Eric Clapton interpretiert sie auf ihre ganz persönliche Art. Neuere Stücke, wie etwa „Jetzt und hier“, wirken dagegen etwas seicht.
Julia Neigel ist vielleicht auch deshalb so nah an ihrem Publikum, weil sie ihm ähnlich ist. Sie kokettiert ein wenig, wirkt etwas aufgedreht, als habe sie die gleiche Art Lampenfieber wie eine Neunjährige beim Krippenspiel. Ihre raue, tiefe Stimme erinnert in manchen Zügen an Marla Glenn, aber das ist auch schon alles, was an hinkenden Vergleichen zulässig ist. Wenn sie auf dem Barhocker den Freizeit-Vamp gibt oder verspielt mit ihrem ausgezeichnet mitziehenden Pianisten flirtet, erlebt der Zuhörer einen Menschen, der sich auf der Bühne mit Sicherheit nicht besonders anders verhält, als in seiner privaten Freizeit – ob man das mag, steht auf einem anderen Blatt. Auf jeden Fall macht diese Art einen seltenen Charme aus.
Veröffentlicht in der Main-Spitze
Mittwoch, 12. Dezember 2007
Über die Stumm-Orgel in der Bärstadter Martinskirche
Wenn man in den Ort hinein fährt, fällt die evangelische Martinskirche nicht sofort ins Auge. Obwohl sie, bei Näherem betrachtet, eine beachtliche Größe hat. Zwar stammt der Bau, wie er heute zu sehen ist, aus den Jahren 1709 bis 1717, doch es gibt auch deutlich ältere Spuren eines Gotteshauses. Bei Ausschachtungsarbeiten wurden Bodenplatten eines Vorgängerbaus gefunden, die auf das Jahr 1250 datiert wurden, auch die älteste Glocke stammt etwa aus dieser Zeit. Der Taufstein in der Bärstadter Kirche ist spätgotisch, ähnlich alt sind zwei weitere Glocken.
Was aber besonders auffällt, wenn man sich einen Moment in der Kirche, die tagsüber immer geöffnet ist, aufhält, ist die beeindruckende Orgelfront. Trotz der Größe des Raumes, wirkt das Instrument, als müsste es sich überall ducken, um nicht anzustoßen. Es gibt Vermutungen, dass die Orgel eigentlich im Kloster Eberbach stand. „Aber ich kenne mindestens drei Instrumente, die möglicherweise aus Kloster Eberbach stammen“, ist Thomas Wächter skeptisch. Er ist als Kantor des evangelischen Dekanats Bad Schwalbach letzten Endes auch zuständig für die Bärstadter Orgel. Das Instrument wurde von der renommierten Orgelbaufamilie Stumm im Hunsrück gebaut und stammt aus dem Jahr 1770. „Es ist ungewöhnlich, dass sie hier steht, ansonsten ist kaum eine rechtsrheinische Orgel aus dieser Werkstatt bekannt“, weist Wächter auf eine regionale Besonderheit hin. Lediglich in der Idsteiner Unionskirche ist noch das Gehäuse einer Stumm-Orgel erhalten.
Eine Erklärungslegende besagt, dass der Orgelbaumeister Stumm gemeinsam mit seinem Sohn auf der Durchreise vom Winter überrascht und von den Bärstadtern freundlich aufgenommen wurde. Zum Dank dafür hat er ihnen diese Orgel gebaut. Wie auch immer sie nun wirklich dorthin gekommen sein mag, sie gilt zumindest als die wertvollste Denkmalsorgel in Südnassau. Mit ihren zwei Manualen und sechs Zungenregistern ist sie eine Besonderheit unter den Dorfkirchenorgeln. Obwohl es keine Dokumente gibt, ist es unstrittig, dass es sich dabei um eine Stumm-Orgel handelt. „Das ist unzweifelhaft“, bestätigt Wächter. Für die Größe des Instruments spricht, dass Bärstadt einmal der Hauptort der Umgebung war.
Auch ihr Zustand ist recht beeindruckend. 1971 wurde sie durch die Firma Beckerath in Hamburg komplett saniert und seitdem jährlich gewartet. Sie wird vor allem im Gottesdienst eingesetzt, Konzerte gibt es nicht öfter als ein oder zwei Mal im Jahr. „Ich mag diese Orgel sehr“, sagt Thomas Wächter. Auch, weil er noch vor dem Studium viel auf Stumm-Orgeln gespielt hat. Vor einigen Jahren hat er auch selbst einmal ein Konzert in Bärstadt gegeben. Besonders froh ist er darüber, dass das Instrument über die Jahrhunderte nicht nach den unterschiedlichen Moden der Zeit verändert worden ist.
Zur Größe der Orgel passt der überaus kernige Klang. Besonders markant etwa ist die Pedalposaune (16 Fuß), auch die achtfüßigen Trompeten auf den Manualen verfehlen ihre scharf schneidende Wirkung nicht. „Es ist eine der lautesten Orgeln, die ich kenne“, bestätigt auch der Kirchenmusiker. „Stumm hat sehr rustikal gebaut“, ergänzt er noch. Die Trompeten der Bärstadter Orgel haben übrigens schon bei vielen Restaurationen ähnlicher Instrumente als Vorlage gedient. Dass die Firma Stumm derart robust klingende Orgeln gebaut hat, erklärt Thomas Wächter mit dem französischen Einfluss. „Daher lässt sich auch die französische Barockmusik hierauf sehr gut spielen“, so seine Erfahrung. Allerdings gibt es etwa mit der Gambenstimme auch einige etwas zartere Klänge zu erzeugen.
Wenn man genau hinschaut, erkennt man auch die vermutlich originalen Registerbezeichnungen: Ein Lederband mit Prägedruck, der sich über den Registerhebeln entlang zieht. Bemerkenswert ist auch das sehr kurze Pedal, das lediglich eine Oktave misst. „Da muss man die Orgel schon sehr gut kennen, um damit umgehen zu können“, bestätigt Wächter. Den Dienst hier verrichten im übrigen vier nebenamtliche Kollegen.
Veröffentlicht im Wiesbadener Tagblatt
Was aber besonders auffällt, wenn man sich einen Moment in der Kirche, die tagsüber immer geöffnet ist, aufhält, ist die beeindruckende Orgelfront. Trotz der Größe des Raumes, wirkt das Instrument, als müsste es sich überall ducken, um nicht anzustoßen. Es gibt Vermutungen, dass die Orgel eigentlich im Kloster Eberbach stand. „Aber ich kenne mindestens drei Instrumente, die möglicherweise aus Kloster Eberbach stammen“, ist Thomas Wächter skeptisch. Er ist als Kantor des evangelischen Dekanats Bad Schwalbach letzten Endes auch zuständig für die Bärstadter Orgel. Das Instrument wurde von der renommierten Orgelbaufamilie Stumm im Hunsrück gebaut und stammt aus dem Jahr 1770. „Es ist ungewöhnlich, dass sie hier steht, ansonsten ist kaum eine rechtsrheinische Orgel aus dieser Werkstatt bekannt“, weist Wächter auf eine regionale Besonderheit hin. Lediglich in der Idsteiner Unionskirche ist noch das Gehäuse einer Stumm-Orgel erhalten.
Eine Erklärungslegende besagt, dass der Orgelbaumeister Stumm gemeinsam mit seinem Sohn auf der Durchreise vom Winter überrascht und von den Bärstadtern freundlich aufgenommen wurde. Zum Dank dafür hat er ihnen diese Orgel gebaut. Wie auch immer sie nun wirklich dorthin gekommen sein mag, sie gilt zumindest als die wertvollste Denkmalsorgel in Südnassau. Mit ihren zwei Manualen und sechs Zungenregistern ist sie eine Besonderheit unter den Dorfkirchenorgeln. Obwohl es keine Dokumente gibt, ist es unstrittig, dass es sich dabei um eine Stumm-Orgel handelt. „Das ist unzweifelhaft“, bestätigt Wächter. Für die Größe des Instruments spricht, dass Bärstadt einmal der Hauptort der Umgebung war.
Auch ihr Zustand ist recht beeindruckend. 1971 wurde sie durch die Firma Beckerath in Hamburg komplett saniert und seitdem jährlich gewartet. Sie wird vor allem im Gottesdienst eingesetzt, Konzerte gibt es nicht öfter als ein oder zwei Mal im Jahr. „Ich mag diese Orgel sehr“, sagt Thomas Wächter. Auch, weil er noch vor dem Studium viel auf Stumm-Orgeln gespielt hat. Vor einigen Jahren hat er auch selbst einmal ein Konzert in Bärstadt gegeben. Besonders froh ist er darüber, dass das Instrument über die Jahrhunderte nicht nach den unterschiedlichen Moden der Zeit verändert worden ist.
Zur Größe der Orgel passt der überaus kernige Klang. Besonders markant etwa ist die Pedalposaune (16 Fuß), auch die achtfüßigen Trompeten auf den Manualen verfehlen ihre scharf schneidende Wirkung nicht. „Es ist eine der lautesten Orgeln, die ich kenne“, bestätigt auch der Kirchenmusiker. „Stumm hat sehr rustikal gebaut“, ergänzt er noch. Die Trompeten der Bärstadter Orgel haben übrigens schon bei vielen Restaurationen ähnlicher Instrumente als Vorlage gedient. Dass die Firma Stumm derart robust klingende Orgeln gebaut hat, erklärt Thomas Wächter mit dem französischen Einfluss. „Daher lässt sich auch die französische Barockmusik hierauf sehr gut spielen“, so seine Erfahrung. Allerdings gibt es etwa mit der Gambenstimme auch einige etwas zartere Klänge zu erzeugen.
Wenn man genau hinschaut, erkennt man auch die vermutlich originalen Registerbezeichnungen: Ein Lederband mit Prägedruck, der sich über den Registerhebeln entlang zieht. Bemerkenswert ist auch das sehr kurze Pedal, das lediglich eine Oktave misst. „Da muss man die Orgel schon sehr gut kennen, um damit umgehen zu können“, bestätigt Wächter. Den Dienst hier verrichten im übrigen vier nebenamtliche Kollegen.
Veröffentlicht im Wiesbadener Tagblatt
Sonntag, 9. Dezember 2007
Verdi-Oper "Simon Boccanegra" mit der Opera & Philharmonic Society Plovdiv
Verdis Oper „Simon Boccanegra“ gehört nicht zu seinen Bekanntesten. Dabei ist das verzwickte Drama um politische Ränkespiele, persönliche Machtspielereien, Liebe und Verrat voller Zündstoff und stellt eine spannende Vorlage dar. In Rüsselsheim wurde es jetzt von der „Opera & Philharmonic Society“ aus dem bulgarischen Plovdiv auf die Bühne gebracht. Verdis 1857 uraufgeführte und 1881 in überarbeiteter Fassung noch einmal herausgebrachte Oper beruht auf dem gleichnamigen Schauspiel von García Gutiérrez aus dem Jahr 1339, in dem das Schicksal des ersten vom Volk gewählten Dogen von Genua behandelt wird. Die Urfassung traf seinerzeit nicht auf Begeisterung. Die Kritik hielt es für zu düster und zu spröde.
Die Geschichte an sich ist eigentlich recht packend. Der Korsar Simon Boccanegra wird zum Dogen gewählt, obwohl er sich nicht besonders für dieses Amt interessiert. Er hofft allerdings durch den damit verbundenen gesellschaftlichen Aufstieg die junge Adlige Maria heiraten zu können. Die ist allerdings mittlerweile in der Gefangenschaft ihres Vaters Jacobo Fiesco gestorben. Dieser bietet dem verhinderten Schwiegersohn Versöhnung an, wenn der ihm die Tochter aus dieser Liaison überlässt, die wiederum verschwunden ist. Also wird nichts aus dem Tausch, die vererbte Fehde bleibt bestehen.
Ein Vierteljahrhundert später trifft Boccanegra auf seine tot geglaubte Tochter Amelia. Die hat sich in den Adligen Gabriele Adorno verliebt, einen erbitterten Gegner des Dogen. Boccanegra hat zwar Einwände gegen diese Verbindung, verhindert aber die Zwangshochzeit mit seinem Weggefährten Paolo Albiani, der die Adoptivtochter einer Adelsfamilie ebenfalls bedrängt. Albiani sinnt auf Rache, lässt Amelia entführen, die sich aber rasch befreien kann. Adorno hat in der Zwischenzeit den Entführer getötet und will nun gleiches mit Boccanegra tun, den er für seinen Rivalen um Amelias Gunst und deren Entführer hält. Amelia verhindert das, Paolo vergiftet den Dogen. Adorno erfährt von dem wahren Verhältnis zwischen Simon und Amelia, bittet den sterbenden Dogen um Verzeihung und wird dessen Nachfolger.
Die Gäste aus Plovdiv bieten unter der Regie des ungarischen Multitalents Tamas Ferkay eine brave und für den Tourneebetrieb ordentlich zusammengefügte Inszenierung. Es gibt hier keinerlei Ansätze, einer inhaltlichen Deutung oder eigenen Schwerpunktsetzung. Das Werk wird schlichtweg notengetreu wiedergegeben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Dabei stehen solide Sänger auf der Bühne. Simon Boccanegra wird von dem körperlich überragend wirkenden Alexander Morozov mit verhaltener Leidenschaft und belastbarem Bariton gegeben. Die Rolle seines Gegenspielers Jacobo Fiesco übernimmt Rosen Krastev mit fundiertem Bass. Als Gabriele Adorno wirkt Svetoslav Stankov wendig und draufgängerisch. Etwas mehr Schwung hätte man sich vom Chor erhofft, das Orchester übernahm seine Rolle unter der Leitung von Georgi Dmitrov souverän und mit dem nötigen Gestaltungswillen.
Veröffentlicht in der Main-Spitze
Die Geschichte an sich ist eigentlich recht packend. Der Korsar Simon Boccanegra wird zum Dogen gewählt, obwohl er sich nicht besonders für dieses Amt interessiert. Er hofft allerdings durch den damit verbundenen gesellschaftlichen Aufstieg die junge Adlige Maria heiraten zu können. Die ist allerdings mittlerweile in der Gefangenschaft ihres Vaters Jacobo Fiesco gestorben. Dieser bietet dem verhinderten Schwiegersohn Versöhnung an, wenn der ihm die Tochter aus dieser Liaison überlässt, die wiederum verschwunden ist. Also wird nichts aus dem Tausch, die vererbte Fehde bleibt bestehen.
Ein Vierteljahrhundert später trifft Boccanegra auf seine tot geglaubte Tochter Amelia. Die hat sich in den Adligen Gabriele Adorno verliebt, einen erbitterten Gegner des Dogen. Boccanegra hat zwar Einwände gegen diese Verbindung, verhindert aber die Zwangshochzeit mit seinem Weggefährten Paolo Albiani, der die Adoptivtochter einer Adelsfamilie ebenfalls bedrängt. Albiani sinnt auf Rache, lässt Amelia entführen, die sich aber rasch befreien kann. Adorno hat in der Zwischenzeit den Entführer getötet und will nun gleiches mit Boccanegra tun, den er für seinen Rivalen um Amelias Gunst und deren Entführer hält. Amelia verhindert das, Paolo vergiftet den Dogen. Adorno erfährt von dem wahren Verhältnis zwischen Simon und Amelia, bittet den sterbenden Dogen um Verzeihung und wird dessen Nachfolger.
Die Gäste aus Plovdiv bieten unter der Regie des ungarischen Multitalents Tamas Ferkay eine brave und für den Tourneebetrieb ordentlich zusammengefügte Inszenierung. Es gibt hier keinerlei Ansätze, einer inhaltlichen Deutung oder eigenen Schwerpunktsetzung. Das Werk wird schlichtweg notengetreu wiedergegeben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Dabei stehen solide Sänger auf der Bühne. Simon Boccanegra wird von dem körperlich überragend wirkenden Alexander Morozov mit verhaltener Leidenschaft und belastbarem Bariton gegeben. Die Rolle seines Gegenspielers Jacobo Fiesco übernimmt Rosen Krastev mit fundiertem Bass. Als Gabriele Adorno wirkt Svetoslav Stankov wendig und draufgängerisch. Etwas mehr Schwung hätte man sich vom Chor erhofft, das Orchester übernahm seine Rolle unter der Leitung von Georgi Dmitrov souverän und mit dem nötigen Gestaltungswillen.
Veröffentlicht in der Main-Spitze
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